

New York ist die Stadt der Wolkenkratzer, ein Symbol für das 20. Jahrhundert. Nie zuvor hat die Architektur so etwas gewagt. Begonnen hat der Wettlauf zum Himmel in Chicago, doch dann wurden 1973 in New York die Zwillingstürme des World Trade Center errichtet, die das Jahrhundert bekanntlich nur um ein Jahr überleben sollten. Der weltweit höchste Turm steht heute in Dubai, der Burj Khalifa. Seit 2010 hält er den Rekord mit 636 Metern bis zur Spitze des Bauwerks und 828 Metern bis zum Ende der Antenne.
1852 schon wurde ein wichtiges Accessoire des Hochhauses erfunden: der Aufzug, damals "das sicherste Transportmittel der modernen Welt." Dank dieser Erfindung konnte die Platzknappheit in den großen Städten der Vereinigten Staaten bald behoben werden: der Wolkenkratzer war geboren.
Das erste Bauwerk dieser Art wurde 1883 in Chicago errichtet. Das Gebäude der Chicago Home Insurance maß immerhin zehn Stockwerke und gilt nicht nur als erstes modernes Hochhaus der Welt, sondern auch als erster Entwurf aus der Architektenschule von Chicago. Nachahmer fanden sich in New York und in Dallas und nach und nach entstanden die heute weltberühmten Silhouetten der nordamerikanischen Großstädte.
1913 lässt der Warenhauskönig Woolworth in New York ein riesiges Gebäude als Firmensitz errichten, das mit 241 Metern lange Zeit als das höchste der Welt galt. Die mit gotischen Elementen verzierte "Konsumtempel" wurde von keinem geringeren als dem Präsidenten Wilson eröffnet, der per Knopfdruck die 80.000 Lampen des Bauwerks entzündete.
Der Wolkenkratzer etabliert sich in den USA wie in Europa als ein neuer Gebäudetyp – so, wie es die Futuristen im Bereich der Kunst bereits vorausgesagt hatten.
Video. Der Wolkenkratzer der Zukunft
Die Architektur des 20. Jahrhunderts entfernt sich zusehends von der Kunst. Sie wird Baukunst, das Material zur Struktur oder zum Dekor. Rationalismus nennt sich die neue Strömung, die vor allem in Deutschland und in Amerika Schule macht.
WALTER GROPIUS UND DAS BAUHAUS
Walter Gropius gilt als einer der bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Die Faguswerke in Alfeld, das Bauhaus und die Meisterhäuser in Dessau sind Klassiker der modernen Architektur. Und ohne Gropius hätte es das Bauhaus nie gegeben, er war lange Zeit der treibende Geist und die Autorität dieses neuartigen Schulprojektes. Auch nach der Schließung des Bauhauses 1933 war er es, der sich weiter für die Ideen seiner Schule einsetzte. Sein Beitrag zur modernen Baukunst zeigt sich vor allem in der Architektursprache und in der didaktischen Methode: Funktionalität ist das Schlüsselwort, ob in Fragen des Designs oder des Städtebaus.
LE CORBUSIER UND DIE VILLA SAVOYE
Es ist das Meisterstück der modernen Architektur, vor allem ihres rationalistischen Flügels: die großzügige Familienvilla, die Pierre Savoye, ein vermögender Versicherungskaufmann, zwischen 1928 und 1931 von Le Corbusier entwerfen und bauen ließ. So schwierig es heute ist, das Bauwerk technisch und konservatorisch zu erhalten: es bleibt ein Symbol und Denkmal der architektonischen Moderne der zwanziger und dreißiger Jahre, der zahlreiche europäische Architekten, aber auch etwa Oscar Niemeyer in Brasilien zuzurechnen sind.
LUDWIG MIES VAN DER ROHE UND DAS SEAGRAM BUILDING
Seinem Prinzip: less is more fallen alle nicht unmittelbar funktionalen Ornamente und dekorativen Elemente zum Opfer. Übrig bleibt Architektur pur, hundertprozentig funktional. Das Seagram Building von Ludwig Mies van der Rohe entsteht 1958 in New York, genauer in Midtown Manhattan, in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Architekten Philip Johnson. Das Hochhaus ist eines der schönsten Beispiel für funktionale Architektur: anonym und im besten Sinne kunstlos, wie es die echte Moderne verlangt.
Video. Mies van der Rohe
Jeder Gegenstand hat ein Design, jedem liegt zumindest ein Entwurf zugrunde. Es gilt bestimmte Normen zu beachten, Berechnungen anzustellen, Visualisierungen anzufertigen, dann erst geht ein Produkt in die Herstellung. Das ist bei einem Gebäude nicht anders als bei einem Möbelstück.
Heute spricht man häufig auch von nachhaltigem (oder Öko-)Design, das Gegenstände hervorbringt, die umweltverträglich und ressourcenschonend sind, also keine Schadstoffe produziert, wiederverwertbare Materialien verwendet, keine Gifte enthält und nach Möglichkeit mit Hilfe erneuerbarer Energien hergestellt wird.
ART DECO
Als Stilrichtung zeigt sich Art Déco als Kombination der nüchternen Formen des Bauhauses mit der Dynamik der modernen Technologien und Elementen aus der orientalischen, der antiken griechischen, der indischen oder der altamerikanischen Kunst, wie sie von den Maya oder den Azteken überliefert ist. In der Architektur entstehen Gebäude, die an die mesopotamischen Tempeltürme (Tikkurat) oder die Pyramiden erinnern, als Dekor finden sich elegante geometrische Formen, Linien und Farben, ganz im Kontrast zur programmatischen Schlichtheit des Funktionalismus.
Ein Beispiel für diesen Baustil ist das Chrysler Building in New York City von 1930. Es finden sich aber auch ganze Stadtviertel in diesem Stil, etwa der Art Déco District in Miami.
FOCUS MAILAND: ART DECO IN MAILAND
Auch in Mailand gibt es eine ganze Reihe von Bauwerken im Art Déco-Stil. Ein Spaziergang durch die Straßen führt uns zu den Gebäuden von Giovanno Muzio und Giò Ponti, zwei führende Architekten des 20. Jahrhunderts. Die Cà Brutta von Muzio in der Via della Moscova wurde 1924 fertiggestellt; unweit davon der Palazzo Montecatini, ein Bürohaus von Ponti, entsteht in der zweiten Hälfte der 30er Jahre.
DESIGN IN MAILAND?
FALLINGWATER VON FRANK LLOYD WRIGHT
Die Suche nach Einfachheit führt Frank Lloyd Wright hier zu Naturmaterialien und zum konsequenten Verzicht auf Schmuck und Dekor. Das Wohnhaus in Mill Run, Pennsylvania, zeigt sich als innovatives Konstrukt, das sich perfekt in die natürliche Umgebung einfügt und darum auch als "organische Architektur" bezeichnet wird. Die Werke selbst gelten nach dieser konstruktiven Lehre als Organismen ohne geometrische Vorgaben, was entsteht, ist eine ideale Architektur für den Menschen: wie auf Maß gemacht, scheinbar organisch gewachsen wie ein zweiter Körper. Vor allem in den USA ist diese sehr individualistische Strömung populär geworden.
Video. Frank Lloyd Wright
Dass nur eine nachhaltige Bauweise die Zukunft des Bauens gewährleisten kann, ist unbestritten. Im 20. Jahrhundert wurde der Grundstein gelegt für eine Architektur, die sich grundlegend neu orientieren muss. Ökobau ist dabei nicht nur eine Disziplin unter vielen, denn er steht für einen umfassenden kulturellen Ansatz, der bereits in den 70er Jahren in Deutschland erprobt wurde und seither weiterentwickelt wird. Am Anfang steht die Einsparung der Energieressourcen, die eine Reihe technologischer Innovationen nach sich zieht, die eine energieeffiziente Bauweise möglich macht und erneuerbare Energien einsetzt (Geothermie, Fotovoltaik, Solarthermie, Windenergie). Dazu kommt die Verwendung von Naturmaterialien beim Bau, die nicht nur nachhaltig, sondern auch gesund ist und sich im 21. Jahrhundert immer weiter durchsetzen wird.
Video. Green architecture
DAS AALTO-THEATER IN ESSEN
Der finnische Architekt Alvar Aalto gilt als ein Vordenker der ökologisch bewussten Architektur, die auf Naturmaterialien wie Holz, Stein oder Ziegel basiert und detailliert auf die psychologischen Bedürfnisse der Bewohner eingeht. So verdankt man Aalto beispielsweise fundierte Studien zur Farbgebung in Krankenhäusern, um den Kranken eine Atmosphäre zu schaffen, die Ruhe und Erholung bietet; außerdem beschäftigte er sich mit Fragen der Akustik in Versammlungsräumen. Architektur und Design der skandinavischen Länder haben immer schon bedeutenden Einfluss auf die großen europäischen Zentren ausgeübt, so sind sie prägend für zahlreiche Strömungen in der Moderne, während andere Aspekte auf den Norden beschränkt bleiben. Dazu zählt etwa dass sie sich nicht an die Gegebenheiten der industriellen Produktion angepasst haben wie das bei den Rationalisten der Fall war; außerdem spezielle Materialien, vor allem Holz, das in Skandinavien in großen Mengen vorhanden ist und das Aalto „die inspirierende Form, das eigentlich menschliche Material“ nennt. Aaltos war überzeugt von seinem Design „für den Menschen“ und lehnte künstliche Materialien generell ab, da diese den seelischen Befindlichkeiten der Bewohner nicht angemessen seien.
FOCUS MAILAND: MUSEUM DES 20. JAHRHUNDERTS: Interview mit Italo Rota
FOCUS MAILAND: CITYLIFE UND DER NEUE PALAZZO DELLA REGIONE